• Samuel Tscharner

Libertarismus - Gibt es Freiheit ohne Solidarität?

Aktualisiert: Juni 30

Stell dir vor, du taumelst durch die Wüste. Die Sonne brennt auf dich nieder und weit und breit gibt es nichts als Sand und Verderben. Du bist schon so lange unterwegs, dass es dir an Verpflegung jeglicher Art fehlt und es wird absehbar, dass du in naher Zukunft in dieser sandigen Leere verenden wirst. Da vernimmst du plötzlich ein Motorengeräusch jenseits einer Düne. Du nimmst all deine Kraft zusammen, rennst sie empor und schreist um Hilfe. Zu deinem Erstaunen steht da mitten in der Wüste ein Imbisswagen. Mit neuer Hoffnung näherst du dich dem Gefährt und die Verkaufsperson wartet geduldig auf dein Eintreffen. Scheinbar bist du gerettet. Aber nur scheinbar, denn wie du näherkommst, erkennst du die Angebotstafel am Wagen und darauf steht Folgendes:


- Burrito (pro Stück) – $5

- Wasser (pro Liter) ­– $5'000


Nach ungläubiger Nachfrage offenbart die Verkaufsperson, dass sie diese Preise ernst meint und es dir vollkommen freistehe auf das Angebot zu verzichten. Nach kurzen empörten Ausrufen und Versuchen der Feilscherei, gibst du auf und bezahlst $5005 für einen Burrito und einen Liter Wasser.

Dieses Beispiel stammt aus einer Vorlesung für Politische Ökonomie gehalten von Prof. Michael Munger an der Duke Universität.[1] Dabei suggeriert er stark, dass es keinen Grund gibt, über die Verkaufsperson empört zu sein, obschon wir ihr Vorgehen intuitiv verurteilen würden. Unsere Gefühle dabei seien irrational. Wieso sind wir wütend und verurteilen eine Person als unmoralisch, die uns eine neue wünschenswerte Option beschert? Das Angebot an Wasser wird in diesem Fall davon bestimmt, ob Leute die Erwartung haben, es profitabel verkaufen zu können. Hätte also die Verkaufsperson nicht die Erwartung, Profit zu machen, würde sie nicht die Mühe auf sich nehmen, um in der Wüste ein Wasserangebot bereitzustellen. Natürlich geht Prof. Munger davon aus, dass wir genug Geld dabeihaben, um diese horrende Preise bezahlen zu können. Wir sollten uns also nicht beschweren, sondern vielmehr dankbar sein, dass die Person sich die Mühe macht, uns an diesem Ort mit Wasser zu versorgen.

Es ist aus der Vorlesung nicht erkennbar, wie Prof. Munger die Situation einschätzen würde, wenn wir kein Geld dabeihätten. Wärst du immerhin dann gerechtfertigterweise empört, wenn die Verkaufsperson dich zum Sterben in der Wüste zurücklässt, einfach weil du nichts anzubieten hast, was du gegen Wasser tauschen könntest?

Hier liegt in jedem Fall moralisch etwas im Argen. Es kann nicht angehen, auf einen simplen Marktmechanismus zu referieren, um einen offensichtlichen Machtmissbrauch zu rechtfertigen für den das Opfer des Missbrauchs auch noch dankbar sein soll!

Man kann hier viele ökonomische Gedankenspiele durchgehen, um diese wirtschaftliche Sicht der Situation ein wenig zu relativieren und zu rechtfertigen. Beispielsweise kann man anführen, dass es für die Verkaufsperson auch aus ökonomischer Warte irrational wäre, uns nichts zu verkaufen, wenn wir über keine $5000 verfügen. Sie ist ohnehin schon in der Wüste und nimmt die Transportkosten auf sich. Des Weiteren wird sie wahrscheinlich nicht viele Kunden antreffen, die ihr offizielles Angebot bezahlen können. Es wäre daher das Klügste, den Leuten mit dem Preis entgegenzukommen.[2]

Nichtsdestotrotz vermögen diese rein ökonomische Überlegungen zu verschiedenen Marktmechanismen die moralische Problematik nicht aufzulösen. Sie beruhen grundlegend auf der Annahme gleichberechtigter, weitgehend homogener Marktteilnehmer*innen, und sei es nur, um unangenehmen Gerechtigkeitsfragen aus dem Weg zu gehen und das Verhalten der repräsentativen Menschen in den Modellen glaubwürdiger zu gestalten. Diese repräsentativen Menschen in den Modellen nehmen freiwillig und auf gleicher Augenhöhe am Markt teil und sind niemals dazu gezwungen einen Handel einzugehen, den sie nicht eingehen möchten. Sie sind auf ihr Eigeninteresse fokussiert, verfügen über alle nötigen Informationen und gehen rational mit diesen um, um ihre eigenen Zwecke zu befördern. Wie die konkrete Realisierung dieser Bedingungen für einen fairen Markt in einem demokratischen Staat aussehen soll, ist weitgehend politische Ansichtssache. Wie du aber so fernab von jeglicher rechtswahrenden Instanz in der Wüste stehst, bist du offensichtlich benachteiligt und die Verkaufsperson ist stark privilegiert. Von freiwilliger und gleichberechtigter Marktteilnahme kann in keinem Sinn die Rede sein. Wenn du allein auf dein Eigeninteresse fokussiert und rational wärst, würdest du wahrscheinlich eher versuchen, die Verkaufsperson zu überrumpeln und den Imbisswagen in deine Gewalt zu bringen. Die Grundannahmen des Marktmodells sind also nicht gegeben und sind damit ungeeignet, um das Problem zufriedenstellend zu lösen.

Nach meiner Einschätzung haben wir es hier weder mit verwirrten moralischen Urteilen durch irrationale Gefühle noch mit einem Problem von unzureichenden ökonomischen Modellen zu tun. Vielmehr handelt es sich um ein hervorragendes Beispiel von radikal libertärem Gedankengut, das wahrscheinlich den meisten Leuten intuitiv überhaupt nicht behagt.

Die Kernthese des Libertarismus lautet etwas plakativ ausgedrückt, dass Menschen sich gegenseitig nichts schuldig sind, ausser sich in Ruhe zu lassen. Es gibt keinen Anspruch auf gewisse Handlungen oder Gegenstände, den man gegenüber anderen Menschen geltend machen könnte, sondern alleine sogenannte „negative Freiheitsreche“. Negative Freiheitsrechte sind moralische Rechte von gewissen Handlungen verschont zu bleiben, bspw. nicht verletzt, beklaut, belästigt oder zu ungewollten Handlungen gezwungen zu werden.

In Bezug auf die Wüstensituation heisst das, dass du weder Anspruch auf das Wasser (Gegenstand) oder auf Hilfe (Handlung) noch auf ein bezahlbares Angebot gegenüber der Verkaufsperson hast. Im Gegenteil, es wäre moralisch unangebracht, ihre Hilfe einzufordern und moralisch verwerflich, sie dazu zu zwingen oder ihr sogar den Imbisswagen zu klauen. Davor ist sie nämlich durch ihre negativen Freiheitsrechte geschützt. Demgegenüber ist es nach libertärem Verständnis moralisch vollkommen in Ordnung, wenn die Verkaufsperson wieder wegfährt und dich wasserlos in der Wüste stehen lässt. Sie zwingt dich damit zu keiner Handlung und fügt dir mit ihrer Handlung auch keinen direkten Schaden zu.

Obschon dieses libertäre Gedankengut vielen Leuten nicht behagt, spätestens wenn sie wie im Wüstenbeispiel auf der hilfsbedürftigen Seite stehen, findet es sich oft im politischen Diskurs wieder. Solch ein libertäres Verständnis von Moralität zeigt sich sehr oft in den politischen Lagern, die sich gegen Umverteilungsmassnahmen oder höhere Umweltstandards wehren, da es sich dabei natürlich meistens um gewisse Handlungszwänge handelt — man wird gezwungen (mehr) Steuern zu zahlen, sich neue Technologien anzueignen etc. Aber auch diejenigen Leute folgen dieser Logik, die momentan lautstark verkünden, der Staat hätte kein Recht von ihnen zu verlangen, eine Maske zu tragen oder sich an andere Coronamassnahmen zu halten. Sie fordern die Wahrung ihrer Rechte, ohne dafür Pflichten in Kauf nehmen zu wollen.

Das Problem am Libertarismus wird bereits durch das Wüstengedankenexperiment ersichtlich. Das Verhalten der Verkaufsperson empört wahrscheinlich die meisten Leute intuitiv und entpuppt sich als moralisch fragwürdig. Du scheinst einen Anspruch auf Hilfe zu haben. Gleichzeitig ist die Verkaufsperson moralisch zu verurteilen, wenn sie eine Hilfeleistung in dieser Situation unterlässt. Es wäre vermessen von der Verkaufsperson anzunehmen, dass du das von ihr indirekt gefällte Todesurteil einfach so hinzunehmen hast und gleichzeitig noch ihre negativen Freiheitsrechte akzeptieren und wahren musst. In der Realität wäre es wahrscheinlich so, dass sich eine hilfsbedürftige Person in dieser Situation wehren und sich allenfalls mittels Gewaltanwendung Wasser beschaffen würde. Meines Erachtens völlig gerechtfertigt. Die Annahme eines moralischen Rechts auf Hilfeleistung ist keinesfalls willkürlicher als ein Recht darauf, jemanden sterben zu lassen. In einer Welt, in denen die Annahmen der ökonomischen Modelle gelten, könnte eine libertäre Organisation der Gesellschaft womöglich funktionieren. In unserer Welt voller Ungleichheit und gegenseitiger Abhängigkeiten würde ein libertäres System zu Tumulten führen. Die legitime Autorität eines Staates hängt nach den geläufigsten Theorien von der hypothetischen Zustimmung seiner rationalen Bewohner ab.[3] Damit man diese Zustimmung plausiblerweise annehmen darf, muss er ein friedliches Zusammenleben sicherstellen können. Dazu verspricht er einerseits allen Bewohnern, sie so wenig wie möglich zu behelligen und behelligen zu lassen, wenn sie sich in einer vorteilhaften Position befinden. Andererseits verspricht er allen, ihnen Abhilfe zu schaffen, wenn Unglück und Leid sie ereilt. Das funktioniert allerdings nur, wenn es richtige Balance zwischen positiven und negativen Freiheitsrechten, zwischen Rechten und Pflichten gibt.

Der Libertarismus setzt bereits voraus, was er versucht zu erreichen: eine gerechte Gesellschaft voller unabhängiger, absolut eigenständiger, perfekt (aus)gebildeter Menschen. In der Realität ist diese Position nur für Privilegierte, die keine Interesse haben, ihren Anteil für eine friedliche Gesellschaft zu leisten, aber dennoch verlangen in Frieden gelassen zu werden.

Nicht zuletzt deswegen ist Libertarismus illusorisch: Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.



Verweise:

[1] https://www.youtube.com/watch?v=fKdSDPsVcQg&list=PLEJy2f_EWBqX1yIF-VP1MJsgnYy8OLK7t&index=2 (ungefähr ab Minute 14) [2] Vgl. bspw. Mankiw, N.G. (2021) Principles of Economics, 9. Edition, Boston: Cengage Learning Inc. S.4.

[3] Blake, M. (2002) Distributive Justice, State Coercion, and Autonomy, in Philosophy & Public Affairs 30(3), S.173ff.


Weitere Literatur:

- Nozick, R. (1974) State, Anarchy and Utopia, Oxford: Blackwell Publishing.

- van der Vossen, B. (2019) Libertarianism, in Edward N. Zalta (ed.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy.